Ferdy De Scheemaeker (Ooigem, BE) gewinnt außer dem 1. Nat. Barcelona 11.706 Alttb. in Belgien auch den ‘Goldenen Flügel’!

Mit einer Rekordgeschwindigkeit von sage und schreibe 108 km/h ging für Ferdy der Traum eines jeden Weitstreckenliebhabers in Erfüllung: Barcelona gewinnen! Da es sich bei dem Sieger um seinen1.-Benannten handelt, gewinnt er auch den begehrten ‘Goldenen Flügel’ des Brügger Barcelona-Clubs.

Es muss mehr oder weniger das erste Mal in der langen Barcelona-Geschichte gewesen sein, dass die Tauben so spät, nämlich erst am Freitagnachmittag um 14.00 Uhr, in die Freiheit entlassen wurden. Es muss auch mehr oder weniger das erste Mal gewesen sein, dass von Barcelona so hohe Geschwindigkeiten erzielt wurden, denn der internationale Sieg wurde mit einer Rekordgeschwindigkeit von 1801,62 m/min auf einer Entfernung von beinahe 1.044 km geholt. Unvorstellbar! Das weist aber darauf hin, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit einige Tauben eine Zeit lang während der Neutralisationszeit (sprich: während der Nacht) durchgeflogen haben. 

Aufgrund der hohen Geschwindigkeiten, die die ersten Tauben erzielten und der ziemlich frühen Ankunftszeiten am Samstagmorgen erwartete man einen reibungslosen Verlauf dieser Barcelona-Ausgabe 2012, aber davon wurde nichts. Es musste sogar bis Sonntagabend konstatiert werden, bevor alle Preise verteilt waren. Insider sagten vorher, dass die Niederländer den Löwenanteil am Barcelona-Kuchen vereinnahmen würden, da deren Tauben an späte Auflässe gewöhnt wären und auch weil hohe Geschwindigkeiten erwartet wurden. Aber auch das war ein Irrtum, denn seltsamerweeise konnten die niederländischen Tauben daraus keinen echten Vorteil ziehen. Von Tarbes-Albi, wo auch am Freitag um 14.00 Uhr aufgelassen wurde, flogen sie offensichtlich problemlos während der Nacht. Von Barcelona saßen die frühen Tauben der internationalen 20 Ersten schön verteilt in Frankreiche, Belgien und den Niederlanden. 

Die schnellste Taube von Belgien landete in Ooigem bei Ferdy De Scheemaeker auf dem Einflug. Ferdy konstatierte seinen Nationalsieger genau um 6.00’13” Uhr auf einer Entfernung von 1.057,933 km, was eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 1792,44 m/min oder umgerechnet gut 107,5 km/h ergab! Jeder war durch die sehr frühen Ankunftszeiten überrascht, aber danach verlief der Flug doch um einiges langsamer als erwartet. Aufgrund der frühen Ankunftszeiten dachte jeder, dass die Tauben während der Nacht ziemlich nah an ihrem Zuhause saßen, aber schon schnell stellte sich heraus, dass das nicht so war. Wer vor 12.00 Uhr einen Barcelona-Flieger in der Uhr hatte - das war doch gut 6 Stunden nach der Ankunft des Nationalsiegers - wird sich wahrscheinlich unter den ersten 100 bis 150 national gegen 11.706 Tauben platzieren. Ein Zeichen, dass das Gros der Tauben doch weiter von zu Hause entfernt saß, als man nach den ersten Ankünften erwartet hatte und sicherlich auch angesichts des ziemlich günstigen Flugwetters am Samstagvormittag, an dem alle Flüge in Nordfrankreich früh aufgelassen werden konnten. Die Ursache? Wer kann das sagen, aber jeder sucht nach Ursachen, obwohl man hinterher leicht reden kann, wenn die Preislisten überall an der Wand hängen. 

Fest in Ooigem

Das alles wird der Familie Ferdy De Scheemaeker egal sein. Sie sind die verdienten Nationalsieger von einem der schönsten Klassiker des internationalen Taubensports, der dieser Barcelona-Flug doch ist. Der ‘Geschelpte Witpen Barcelona’ BE09-3011492 machte für Ferdy das wahr, wovon jeder Teilnehmer am Barcelona-Flug Jahr für Jahr träumt: Barcelona gewinnen! Er flog damit seinen Herrn und die ganze Familie zu ewigem Ruhm. Morgenstund' hatte in Ooigem also gold im Mund!

Aber um ein Haar hätte Ferdy seinen Sieger verpasst. Zum Glück war er früh aus den Federn. Um 5 Minuten vor 6 hatte er sein elektronisches System eingeschaltet, hatte sich dann die Zeitung geholt und Kaffee gekocht, um die Zeitung bei einem Butterbrot und einer Tasse Kaffee zu lesen, als sein Blick zufällig auf den Sputnik fiel, indem sein Barcelona-Flieger bereits auf ihn wartete. Die elektronische Uhr zeigte genau 13 Sekunden nach 6. Schnell wurden die nötigen Kontrollabschläge gemacht, und die Taube ordnungsgemäß gemeldet, wobei Ferdy erfuhr, dass es eine verdammt frühe Taube sein musste. "Welch ein Glück, dass ich den Schlag nicht aufgemacht hatte", sagt Ferdy noch, "sonst wäre sie vielleicht eingesprungen, ohne dass ich es gesehen hätte." Es folgten einige bange Stunden, bis endlich der erlösende Anruf kam, dass der Nationalsieg Wirklichkeit war. Auch er vermutet, dass seine Taube ein Stück der Strecke im Dunklen zurückgelegt hat, noch dazu, wo das eine Eigenschft der Familie des Siegers ist. Mehrere Schwestern und Halbschwestern haben das auch schon in den vorhergehenden Jahren auf den internationalen "Euro-Flügen" von San Sebastian und Biarritz gemacht, bei denen Ferdy 3 Mal auf einem mehr als hervorragenden 2. Platz landete, und zwar mit Täubinnen, die denselben Vater hatten wie der frisch gebackene Nationalsieger von Barcelona. Schauen wir uns kurz seinen Stammbaum an:

-Vater: ‘Kees’ NL01-2435311, ein Original von Doede van der Veen aus Nijbeets (Friesland, NL) und Inzucht auf den legendären Wundervogel ‘Den Dolle’ NL67-2052951 (selbst Gewinner von 3. Nat. Dax und 3. Nat. St. Vincent) von Marijn Van Geel. Das ist die Linie, mit der auch Wim & Martin van Houten aus IJsselstein vor einigen Jahren den 1. Internat. Barcelona gewonnen hatten. Er wurde aus Halbschwester x Halbbruder gezogen und ist sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits ein Enkel von ‘Dochter Vlekje’ NL87-8793077 (also aus dem ‘Autowinnaar’ met 2. Nat. Dax: das ‘Vlekje 434/81’), die jedesmal mit einem Enkel und Urenkel des ‘Dolle’ gepaart war! Dieser ‘Kees’ ist der heutige Zuchtcrack des Schlages und bereits Vater von folgenden Spitzentäubinnen:

  • ‘Ria’: 2. Euro Internat. Biarritz 2.067 Tb. 2005, 1. Euro Internat. Biarritz 528 Weibchen
  • ‘Tia’: 2. Euro Internat. San Sebastian 1.803 Tb. 2007, 2. Euro Internat. 422 Weibchen
  • ‘Tania’: 2. Euro Internat. San Sebastian 1.958 Tb. 2008, 2. Euro Internat. 263 Weibchen

Weibchen mit Klasse, die ebenfalls eine Zeit lang in der Nacht flogen und sich in den Morgenstunden konstatieren ließen. "Es steckt also in den Genen väterlicherseits", meint Ferdy noch.

-Mutter: ‘Miss Stichelbaut’ BE07-3203627, ein Original von Frans Labeeuw aus Bissegem und eine reine Stichelbaut-Taube, ein Inzuchtprodukt auf den ‘Zwarte Fijnen’, Stichelbaut mit der ‘Titi’-Linie.

Zwei Inzuchtlinien, die miteinander gekreuzt wurden, bilden auch hier die Basis für den nationalen Sieg. "Eigentlich ist es der erste Vogel aus  dem ‘Kees’, der auf der Großen Weitstrecke getestet wurde," erzählt Ferdy. Als Jungtier wurde er ganz normal antrainiert, als Jähriger machte er einen Preis von Libourne, um im vorigen Jahr eine erste Probe seines fliegerischen Könnens auf dem knallharten Marseille-Flug zu zeigen, auf dem er den 5. Lokal gegen 87 Tb. (1424. Internat. 10.654 Alttb.) gewann und sehr munter und frisch nach Hause kam. Ein sehr gutes Zeichen! In diesem Jahr nahm er am Nationalflug von Montluçon teil, um jetzt seinen allerersten (und zugleich auch letzten) Barcelona-Flug zu absolvieren, auf dem er sofort den Vogel abschoss.

 

Eine starke Familie von Tauben für die Große Weitstrecke

Bis vor 4 oder 5 Jahren spielte Ferdy hauptsächlich mit Täubinnen auf den 'Euro Internationale' Flügen von Biarritz, San Sebastian und St. Vincent. Das waren Flüge mit Mittagauflass. Weil diese Flüge abgesetzt worden waren, wandte er sich vor 3 oder 4 Jahren den internationalen Flügen zu mit Barcelona als bevorzugtem Flug. Insgesamt besitzt er zur Zeit 20 Witwer (8 alte, einige 2-jährige und 10 jährige) und außerdem 20 Täubinnen vom Nest. Allerdings will Ferdy in Zukunft mehr Witwer für die schwere Arbeit vorbereiten. Grund dafür ist vor allem, weil das Spiel mit Täubinnen zu viel Arbeit erfordert, um sie in den richtigen Neststand zu bringen, neben der Mühe, die es kostet, sie intensiv trainieren zu lassen. "Auf Pau haben meine Weibchen immer Schwierigkeiten", sagt Ferdy. "Kommt das daher, weil sie zu wenig Kilometer in den Flügeln haben oder kommen sie erst auf dem nächsten Gelege in Topform, nachdem sie ein Junges aufgezogen haben? Ich habe keine Erklärung dafür, aber ich stelle das immer wieder fest." Für die vorbereitenden Flüge bis zu 400 und 500 km kommen sie immer auf Gipseiern mit. Danach werden sie für die Flüge vorbereitet, die Ferdy für sie geplant hat und für die er sie gern auf kleinen Jungen einkorbt. Das bedeutet, dass die Täubinnen am Tag X angepaart werden müssen, um den richtigen Neststand zu erreichen. Das erfordert nicht nur allerhand Rechnerei sondern auch zusätzlichen Einsatz vom Züchter. 

Die Reisevögel fliegen dagegen auf klassischer Witwerschaft. Nach der Saison dürfen sie noch ein Junges aufziehen. Danach züchten sie bis zum Beginn der Reisesaison nicht mehr, aber werden um den 20. März herum angepaart. Nach einigen Tagen Brutzeit beginnt die Witwerschaft. Am vorigen Sonntag (Einsatztag) hatte Ferdy gegen 17.30 Uhr die Tauben, die von Brive fliegen sollen, rausgelassen. Während diese eine Stunde lang ihr tägliches Training absolvierten, bekamen die zwei Witwer, die für Barcelona eingesetzt werden sollten (zusammen mit 4 Weibchen vom Nest), für etwa 10 Minuten ihre Weibchen zu sehen, worauf sie in den Korb für Barcelona gesetzt wurden. Eine besondere Motivation war also nicht im Spiel. Der Sieger wurde mit einem vollen Flügel eingekorbt. 

In Bezug auf die Versorgung ist Ferdy sehr gradlinig ohne viel Schnickschnack. Vor der Saison suchte er den Tierarzt auf, wonach die Tauben entwurmt wurden. Eine Weile später folgte noch eine 4-tägige Kur gegen Trichomonaden. Ansonsten bekommen die Tauben viel Knoblauch in das Trinkwasser und regelmäßig trockene Bierhefe über das Futter. Abends steht immer Sport Extra von Versele Laga auf dem Speisezettel. Morgens wird diese Mischung mit etwas Säuberungsmischung verlängert. Während der letzten 3 Tage vor dem Einsetzen kommen noch ein wenig Kleinsämereien dazu. "Damit müssen sie sich zufrieden geben", meint Ferdy. Zwischen zwei Flügen der (Großen) Weitstrecke werden 2 bis 3 Wochen Pause eingelegt.

Für Barcelona wurden 6 Tauben eingesetzt, von denen 3 Preis machten mit lokal in Meulebeke gegen 183 Tb. dem 1., 36. und 51. (6). Alle 3 Tauben stammten aus der ‘Kees’-Linie. Von Brive wurden gegen 183 Alttb. der 19. und 30. Preis gewonnen, und zwar von der 1.- und 2.-Benannten von 4 Tauben. Die Jährigen mussten ihren ersten Test von Libourne bestehen. 9 waren eingesetzt, von denen 4 Preis machten, und zwar den 10., 18., 27. und 33. gegen 97 Jährige. Für Ferdy war das ein erster Test im Hinblick auf die Zukunft, wobei er Wert darauf legt, dass sie vor allem frisch nach Hause kommen. Das sind für Ferdy Anzeichen, dass sie die schwere Arbeit bewältigen können. In den 8 Zuchtpaaren fließt hauptsächlich das Blut des ‘Kees’ und seiner Kinder. Daraus wurden zwischen 50 und 55 Junge gezogen, die die Zukunft des Schlages Ferdy De Scheemaeker sichern müssen.

Ferdy wird diesen Samstagmorgen wohl nicht so schnell vergessen, als er seinen Barcelona-Sieger plötzlich im Sputnik bemerkte. Ein denkwürdiger Moment, Anlass für den Nationalsieg und den Gewinn des "Goldenen Flügels"! Und dann konnte das Fest losgehen, schöne und unvergessliche Momente, an die man in Ooigem noch manches Mal zurückdenken wird, und denen während der kommenden Monate noch viele Siegerehrungen folgen werden. Ferdy, unsere ehrlichen und herzlichen Glückwünsche, und genieße es!